Grußwort der Kirchen zur Festveranstaltung „825 Jahre in 4 Stunden" am 10. Juli 2013 im Veranstaltungszentrum „Stadtpark" in Frankenberg

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, verehrte Gäste,

kürzlich erzählte ich einem Bekannten davon, dass ich ein Grußwort bei der Festveranstaltung zum Stadtjubiläum beisteuern soll. Ich erzählte ihm, was mir schriftlich mitgeteilt worden war: Ich soll die Bedeutung der Kirchgemeinde für die Entwicklung der Stadt in 825 Jahren hervorheben, es soll humorvoll und locker sein - und ich habe fünf Minuten Zeit. Darauf fragte mein Bekannter: „Und was machst du mit den restlichen vier Minuten?"

Das war als Witz gemeint. Wenn ich aber eine Umfrage auf den Straßen unserer Stadt machen würde und Menschen fragen würde: Welche Bedeutung hat die Kirche für die Entwicklung der Stadt? - ich wäre nicht sicher, ob es viele gäbe, die eine Minute lang was sagen könnten.

Also: Was mache ich jetzt? Alles aufzählen, was wir insgesamt und mit uns diese Stadt den christlichen Wurzeln unserer Kultur verdanken? Ich fürchte, um diese Zeit interessiert das nicht mal die, die es grundsätzlich interessieren würde.

Ich mache etwas anderes. Herr Bürgermeister, Sie haben in Ihrem Einladungsschreiben für heute zur Geburtstagsfeier der Familie „Frankenberger" eingeladen. Ich fand das originell und habe überlegt, welche Rolle wir als Kirche eigentlich in dieser Geburtstags-Familien-Runde spielen: Sind wir so etwas wie die Uroma aus meiner Kindheitserinnerung, die in der Ecke sitzt, wegen ihrer Schwerhörigkeit nicht mehr viel mitbekommt und nie so richtig weiß, über was gerade gelacht wurde – aber wenn sie nicht gestorben ist, ist sie auch bei der nächsten Feier noch dabei? Oder sind wir so etwas wie die unverheiratete Tante, die nach jeder deftigen Bemerkung den Kopf schüttelt und unter dem Verdacht steht, eine notorische Spaßbremse zu sein? Oder sind wir so etwas wie der nervende Schwager, der meint, wirklich zu jedem Thema etwas sagen zu müssen? Und überhaupt: Gehören wir zur Verwandtschaft, die man einladen muss, oder zu den Freunden, die man einladen will? Welchen Platz haben wir in dieser Geburtstagsgesellschaft? Dazu drei kurze Gedanken:

Natürlich nicht wir persönlich, aber es waren Christen, die diese Stadt gegründet haben. Das kann man sagen, ohne sie zu kennen, denn damals waren alle Menschen, die hier lebten, getauft. Und es ist kein Zufall, dass bereits 1325 das erste Kirchengebäude errichtet wurde - vermutlich als erstes öffentliches Gebäude der Stadt.

Christliche Gedanken haben diese Stadt geprägt wie unsere gesamte Kultur: die Fürsorge für Arme und Kranke; der Zugang zu Bildung für alle Menschen; die Ehrfurcht vor dem Leben; die Gleichheit vor dem Recht als Folge der Erkenntnis, dass vor Gott alle Menschen gleich sind; der freie Tag in der Woche u.s.w. Vieles davon musste gegen kulturelle Widerstände erkämpft werden – auch unter Christen. Manches davon wird uns erst jetzt wieder bewusst, wenn wir drohen, es zu verlieren.

Mehr als 700 Jahre in der Geschichte dieser Stadt waren die meisten ihrer Einwohner Christen. Was daraus geworden ist, feiern wir heute. Noch nicht einmal 100 Jahre in der Geschichte dieser Stadt leben nun die meisten Menschen ohne Religion. Wir wissen nicht, was daraus werden wird, ob das schlechter, besser, oder egal ist. Wir sind heute eine Minderheit und haben uns daran gewöhnt. Erst Gespräche wie mit unseren polnischen Gästen heute Nachmittag zeigen uns, wie ungewöhnlich diese Situation ist.

Wir sind eine Minderheit, aber wir sind mittendrin. Christen gibt es in der Bundeswehr und unter der Lehrerschaft an den Schulen, Christen arbeiten im Rathaus und den Arztpraxen, Christen leiten mittelständische Betriebe und sind dort angestellt, Christen gehören zum Jugendblasorchester, zur Freiwilligen Feuerwehr und zum SV Turbine. Christen sind selbständige Handwerker, Rentner, Kinder, Bezieher von Arbeitslosengeld II. Die meisten von uns gestalten diese Stadt nach Kräften mit. Wir halten uns nicht raus, wir bringen uns ein! Und das hat etwas mit dem dritten Gedanken zu tun:

Wenn ich hier für die Kirchen spreche, repräsentiere ich sieben christliche Gemeinden, die auf dem Gebiet der Stadt Frankenberg existieren. Im Leitbild der St.-Aegidien-Kirchgemeinde steht der Satz: „Wir sind Botschafter Gottes in Frankenberg." Wir glauben, dass wir eine gute Botschaft für die Menschen in dieser Stadt haben. Unser Wunsch ist, dass jeder Frankenberger und jede Frankenbergerin weiß: Man kann Antworten auf die großen Lebensfragen (Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wo liegt von allem der Sinn?) auch außerhalb von sich selbst suchen und finden. Und es gibt Menschen in dieser Stadt, die mit Gott vertraut sind und ihm vertrauen.

Kirche war immer da, Kirche ist mitten drin, Kirche hat etwas zu geben. Was ist nun unser Platz in der Geburtstags-Runde der Familie „Frankenberger"? Sehen Sie uns doch mal als den stillen Gast, der immer schon mit am Tisch saß. Vielleicht ist man noch nie ernsthaft ins Gespräch gekommen? Von uns aus kann sich das gerne ändern, vielleicht gibt's ja was zu entdecken...

Frankenberg hat eine Heilige im Stadtwappen und einen Kirchturm als Wahrzeichen. Man kann darin Relikte aus vergangener Zeit sehen. Man kann darin aber auch einen Hinweis darauf sehen, dass wir von Grundlagen leben, die wir uns nicht selbst geben können (um es mit einem berühmten Zitat aus einem anderen Zusammenhang zu sagen).

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, Frankenberg - und Gottes Segen zum Geburtstag!

Jörg Hänel

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