Zum Geleit

Der Mensch heißt Mensch
W
eil er vergisst, weil er verdrängt
W
eil er schönt und schwärmt
E
r wärmt, wenn er erzählt

Herbert Grönemeyer, „Mensch"

Sie halten den achten Band der Reihe „Frankenberg – Geschichte in Realität, Wahrnehmung und Bewusstsein" in der Hand. In diesem Heft begegnen Sie Menschen, die in ihrer Zeit gehandelt haben, Sie lesen von ihren Stärken und Schwächen. Manches werden Sie verstehen, manches wird Ihnen fremd bleiben. Vielleicht werden Sie sich bei der Lektüre hier und da Fragen stellen: Wie handle ich in meinem Leben? Welche Spuren werde ich hinterlassen? Wie wird man mein Handeln im Rückblick betrachten? Und wer wird das tun?

Ein Band, der von Menschen erzählt. Weil Geschichte eben immer die Geschichte von Menschen ist – gleichgültig, ob man ihre Namen kennt oder sie in Vergessenheit geraten sind.

Ich bin gebeten worden, ein Geleitwort zu dieser Publikation zu verfassen. Berufsbedingt musste ich als Pfarrer an ein anderes Buch denken, das von Menschen erzählt. In den 1980er Jahren gab es im deutschsprachigen Raum eine Plakataktion mit dem Slogan: „Die Bibel – das große Buch vom Menschen". Ich kann mich an Kritik erinnern: Stimmt das denn? Müsste es nicht heißen: „Die Bibel – das große Buch von Gott"? Ich fand diese Kritik damals berechtigt. Trotzdem stimmt es: In der Bibel kommen viele Menschen zu Wort. Sie erzählen ihre Geschichte – oder ihre Geschichte wird von anderen erzählt. Könige und Priester, Handwerker und Dichter, Lügner und Mörder sind darunter. Menschen, die in ihrer Zeit lebten und handelten, Menschen mit Stärken und Schwächen.

Vor allem jedoch wird in der Bibel eine sehr grundlegende Frage gestellt: „Was ist der Mensch?" Diese Frage beschäftigt Menschen zu jeder Zeit. Vielleicht gehört sie zu den Fragen, die sich auch bei der Lektüre dieses Geschichtsbandes neu stellt.

Der Mensch heißt Mensch
Weil er irrt und weil er kämpft
W
eil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt

Herbert Grönemeyer, „Mensch"

„Was ist der Mensch?" - Diese Frage wurde und wird sehr unterschiedlich beantwortet.

Von Friedrich Nietzsche ist der Satz überliefert: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere." Nietzsche starb 1900. Die Schrecken des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen, dem Holocaust, dem Balkankrieg, dem Völkermord in Ruanda u.s.w. waren in diese Bilanz noch gar nicht eingeflossen. Mein singender Kollege Clemens Bittlinger dichtete 1998: „Niemand lebt so egoistisch, / ohne Rücksicht auf Verlust, / niemand nimmt sich selbst so wichtig / und benimmt sich so bestusst. / Niemand schlachtet seine Brüder, / macht Naturressourcen nieder, / ohne Weitsicht und Gefühl / auf lange Sicht." In seinem Liedtext kommt er zu dem Schluss, dass „wir für die Erde wie die Krätze sind." Menschen tun Menschen Furchtbares an. Sie sind zu vielfältigen Gemeinheiten und unbeschreiblichen Grausamkeiten imstande. Dass uns das Schicksal von Tieren manchmal mehr zu berühren scheint als das Schicksal von Menschen, bestätigt Nietzsches Befund.

Das Wissen um die menschlichen Abgründe ändert allerdings nichts daran, dass wir vom Menschen zugleich eine sehr hohe Meinung haben. Wenn wir ein Wort wie „Menschlichkeit" gebrauchen oder ein bestimmtes Verhalten als „menschlich" bezeichnen, denken wir nicht nur an Unzulänglichkeiten („Irren ist menschlich."), sondern an Zuwendung, Nächstenliebe, Opferbereitschaft – Dinge, zu denen Menschen eben auch fähig sind. Menschen haben Bewundernswertes hervorgebracht. Wissenschaft, Kunst, Kultur zeugen von diesen Leistungen. Menschen sind in der Lage, Liebe zu schenken und Opfer zu bringen. Unzählige Beispiele illustrieren dies. Es scheint eine weitgehende Übereinkunft darüber zu geben, was als „menschlich" und was als „unmenschlich" gilt.

Der Mensch heißt Mensch
Weil er vergisst, weil er verdrängt
W
eil er schwärmt und glaubt
Sich anlehnt und vertraut

Herbert Grönemeyer, „Mensch"

„Was ist der Mensch?" - Wie wird diese Frage nun im „großen Buch vom Menschen", der Bibel, beantwortet?

Gestellt wird sie von einem Menschen im Gespräch mit Gott, im Gebet. Jemand betrachtet die atemberaubende Größe und Schönheit der Schöpfung: den Himmel, Sonne, Mond und Sterne. Vor der Größe des Universums wird ihm die Begrenztheit des Menschen bewusst und er stellt Gott in seinem Gebet die Frage: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst? Wie wertvoll ist das Menschenkind, dass du dich um es kümmerst?" (Psalm 8,5) In seinem Gespräch mit Gott findet er die Antwort: „Kaum geringer als Gott – so hast du den Menschen geschaffen. Du schmückst ihn mit einer Krone – sie verleiht ihm Herrlichkeit und Würde." (Psalm 8,6).

Ich schreibe diese Gedanken unter dem Eindruck der Corona-Pandemie im Jahr 2020. Mit dem Ziel der Nichtverbreitung dieser Erkrankung wurden Grundrechte wie z.B. die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. In der Diskussion über diese Maßnahmen habe ich gelernt, dass es unter den Grundrechten, die das Grundgesetz garantiert, keine Rangfolge gibt. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist nicht wichtiger als das Recht auf Versammlungsfreiheit. Diese Rechte müssen immer neu gegeneinander abgewogen werden. Das Grundgesetz kennt nur einen Wert, der allen anderen übergeordnet und damit „unantastbar" ist: Die Würde des Menschen.

In der Bibel wird diese Würde damit begründet, dass Gott sie dem Menschen verliehen hat. Wie in einer Krönungszeremonie einem Staatsoberhaupt mit der Krone die Macht und Würde des Königsamtes übertragen wird, so wird der Mensch mit Herrlichkeit und Würde gekrönt. In der Schöpfungserzählung der Bibel lesen wir: „So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie..." (1Mose 1,27) Im Menschen und seinem Handeln soll sich Gottes Wesen abbilden. Schöpferisch soll er tätig sein – wie der Schöpfer. Als einzigem Wesen wird dem Menschen diese Aufgabe übertragen.

Der Mensch – nicht „Krätze für die Erde" sondern „Krone der Schöpfung"? Die Bezeichnung „Krone der Schöpfung" wurde übrigens lange Zeit aus der Annahme abgeleitet, der Mensch wäre das letzte, krönende Schöpfungswerk Gottes gewesen. Die Theologie macht seit einiger Zeit darauf aufmerksam, dass das nicht stimmt. Das abschließende Werk der Erschaffung der Welt ist nicht der Mensch, sondern der Sabbat. Der von Gott für heilsam und notwendig erklärte und für die Beziehungspflege mit Gott reservierte Ruhetag ist die Krone der Schöpfung.

Trotzdem wird nicht jedem ganz wohl sein beim Lesen dieser Aussagen. Schließlich hatten einige der schlimmsten Unmenschlichkeiten in der Menschheitsgeschichte ihren Ursprung im Anspruch von Menschen, wie Gott sein zu wollen. Die Verleihung von Macht („Krone") trägt die Gefahr des Machtmissbrauchs immer in sich. Wer von der Gottebenbildlichkeit des Menschen spricht, muss deshalb vor Augen haben, welcher Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat. Der Gott, von dem die Bibel spricht, wird eindeutig charakterisiert: „Gott ist Liebe." (1Johannes 4,16)

Der Mensch heißt Mensch
Weil er erinnert, weil er kämpft
W
eil er schwärmt und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt

Herbert Grönemeyer, „Mensch"

Die Auffassung, dass der Mensch „kaum geringer als Gott" geschaffen wurde, führt in der Bibel übrigens nicht zu einer Überhöhung oder Verklärung des Menschen. Bereits in den ersten Kapiteln findet sich ein Urteil über den Menschen, das ein hohes Maß an Realismus widerspiegelt: „Der HERR sah, dass die Menschen auf der Erde völlig verdorben waren. Alles, was aus ihrem Herzen kam, ihr ganzes Denken und Planen, war durch und durch böse." (1Mose 6,5) In der Spannung zwischen „sehr gut" (Gottes Urteil über seine gesamte Schöpfung) und „durch und durch böse" wird der Mensch fortan in der Bibel gesehen. Wohin er tendiert, hängt von der Intensität seiner Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer, ab.

Eugen Roth hat unter seinen zahlreichen Gedichten, die mit den Worten „Ein Mensch..." beginnen, ein sehr kurzes hinterlassen: „Ein Mensch meint, gläubig wie ein Kind, dass alle Menschen Menschen sind." Roth hat diesen Vers mit dem Titel „Irrtum" überschrieben. Es wäre schön, wenn er sich irrt.

Jörg Hänel, Pfarrer

Berufsausbildung zum Elektromonteur im VEB Bremshydaulik Limbach-Oberfrohna, 1988 bis 1992 Studium der evangelischen Theologie an der Predigerschule „Paulinum" Berlin, 1992 bis 1994 Vorbereitungsdienst in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, 1994 bis 2004 Pfarrer in Kurort Oybin, seit 2004 Pfarrer in Frankenberg/Sa.

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