Wie auch wir vergeben…

Gedanken zur fünften Bitte im Vaterunser

Von Jörg Hänel



    Kommt ein Unterhändler von Coca-Cola in den Vatikan. Er bietet 100.000 Dollar, wenn das „Vaterunser" geändert wird. Es soll in Zukunft heißen: „Unser täglich Coke gib uns heute!"
    Der Sekretär lehnt kategorisch ab. Auch bei 200.000 und 500.000 Dollar hat der Vertreter keinen Erfolg. Er telefoniert mit seiner Firma und bietet schließlich 10 Millionen Dollar.
    Der Sekretär zögert, greift dann zum Haustelefon und ruft den Papst an: „Chef, wie lange läuft der Vertrag mit der Bäckerinnung noch?"
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      Unmittelbar auf die Bitte um das tägliche Brot folgt im Vaterunser die Bitte „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern", um die es heute gehen soll. Das Wörtchen „und" am Beginn deutet an, dass sie im Zusammenhang mit der vorausgehenden Bitte steht. Jesus ist offenbar der Auffassung, dass die Vergebung unserer Schuld genauso zu den Lebensgrundlagen gehört wie die Lebensmittel
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        Während die Notwendigkeit der leiblichen Lebensgrundlagen wohl von niemandem bestritten wird, ist das bei der Vergebung von Schuld als geistlicher Lebensgrundlage
        3 anders. „Von Schuld oder gar Sünde zu sprechen, erscheint vielen Menschen als nicht mehr zeitgemäß. Man ist halt so, wie man ist. Und sind nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse schuld, falsche Erziehung, die Eltern? Christus verneint diese Haltung. Niemand muss so bleiben, wie er ist. Ein Neuanfang ist möglich. Die Bibel weiß um das Scheitern, um die Begrenztheit und die Unzulänglichkeiten unseres Tuns. Sie idealisiert auch die Menschen nicht, die sie im Alten und Neuen Testament vorstellt: David zum Beispiel, der ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hatte und dann deren Mann durch eine List zu Tode kommen ließ. Oder Petrus, der leugnete, Jesus je gekannt zu haben."4


          Durch die Aufnahme der Bitte um Vergebung unserer Schuld in das Grundgebet der Christen macht Jesus klar: Wir brauchen Vergebung genauso dringend wie das tägliche Brot. Sie ist lebensnotwendig, weil sie die große Not unseres Lebens wendet.


          Diese Not besteht darin, dass unsere Gemeinschaft mit Gott grundlegend gestört ist. Gottes Welt und unsere Welt sind durch einen „Sund" (Graben) getrennt, den wir unsererseits nicht überbrücken können. Paulus schreibt im Brief an die Christen in Rom (Röm 3,23): „Alle sind schuldig geworden, und alle haben die Herrlichkeit Gottes verloren." Deshalb brauchen wir diese Bitte nicht nur, wenn wir gerade Mist gebaut haben – wie wir die Bitte um's tägliche Brot ja auch nicht nur dann brauchen, wenn uns der Magen knurrt.


          „Nur wenn unsere Schuld vergeben ist, kann Gemeinschaft mit Gott entstehen. Martin Luther hat bei seiner Auslegung des Vaterunsers … auf zwei wesentliche Inhalte hingewiesen: 1) dass die Bitte um Vergebung deutlich macht, dass wir auch in der Nachfolge Jesu 'noch täglich' sündigen und kein Gedanke an eine mögliche Sündlosigkeit aufkommen kann …; 2) dass Gottes Vergebung aus reiner Gnade und nicht wegen unserer Verdienste geschieht."
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            Paulus schreibt in Röm 3 weiter (V24): „Sie verdanken es also allein seiner Gnade, dass sie von Gott als gerecht angenommen werden." Wir bitten an dieser Stelle des Vaterunser um die leiblichen und geistlichen Lebensgrundlagen. Deshalb brauchen wir beide Bitten täglich!


            Nun lehrt Jesus diese Bitte aber mit einem schwer verständlichen Anhang: „...wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Besonders brisant: Der Textbefund ermöglicht die Übersetzung im Präsens: „...wie auch wir unsern Schuldnern vergeben haben."
            6 Wird also hier eine Bedingung benannt? Macht Jesus das Handeln Gottes tatsächlich von unserem Handeln abhängig?


              Schon die Jünger von Jesus fanden diesen Anspruch offenbar ziemlich steil. Petrus spricht das Thema an und Jesus antwortet mit einem Gleichnis (Mt 18,21-35):


              Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte ihn: »Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester an mir schuldig wird, wie oft soll ich ihnen vergeben? Bis zu siebenmal?«

              Jesus antwortete ihm: »Nicht nur siebenmal! Ich sage dir: Bis zu siebzigmal siebenmal!«


              Jesus fuhr fort:

              »Das Himmelreich gleicht einem König, der mit den Verwaltern seiner Güter abrechnen wollte.

              Gleich zu Beginn wurde einer zu ihm gebracht, der ihm zehntausend Talente schuldete. Er konnte ihm nichts davon zurückzahlen.

              Da befahl der König: ›Er soll als Sklave verkauft werden, ebenso seine Frau und seine Kinder. Verkauft auch seinen ganzen Besitz – so kann wenigstens ein Teil zurückbezahlt werden.‹

              Der Mann fiel auf die Knie und flehte den König an: ›Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen!‹

              Da bekam der Herr Mitleid mit dem Mann. Er gab ihn frei und erließ ihm die Schulden.

              Der Mann ging hinaus und traf dort einen anderen Verwalter, der schuldete ihm 100 Silberstücke.

              Er packte ihn an der Kehle, würgte ihn und sagte: ›Bezahl deine Schulden!‹

              Der andere fiel vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: ›Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.‹

              Aber das wollte der Mann nicht – im Gegenteil: Er ging weg und ließ seinen Mitverwalter ins Gefängnis werfen. Dort sollte er bleiben, bis seine Schulden bezahlt waren.

              Die übrigen Verwalter bekamen mit, was da vor sich ging, und waren empört. Sie gingen zum König und berichteten ihm alles.

              Da ließ der Herr seinen Verwalter zu sich kommen. Er sagte zu ihm: ›Du böser Mensch! Deine ganzen Schulden habe ich dir erlassen, weil du mich darum gebeten hast. Und du? Warum hattest du kein Erbarmen mit dem anderen Verwalter – so wie ich mit dir?‹

              Voller Zorn übergab er ihn den Folterknechten – bis seine Schulden bezahlt waren.

              So wird mein Vater im Himmel auch euch behandeln – wenn ihr eurem Bruder oder eurer Schwester nicht von Herzen vergebt.«


              Was wir nicht übersehen sollten: Der König vergibt zuerst! Seine Vergebungsbereitschaft ist nicht vom Verhalten seines Schuldners abhängig.


              Ohne Bild: Gott vergibt uns unsere Schuld, wenn wir ihn darum bitten. Jesus hat sein Leben gegeben und sein Blut vergossen, damit wir frei werden. Er hat am Kreuz wie ein Blitzableiter das Gericht Gottes über die Sünde auf sich genommen, damit es uns nicht trifft. Das alles ist nicht abhängig von irgendwelchen Voraussetzungen unsererseits. Keine und keiner von uns hat dazu etwas beigetragen!


              Was wir aber eben auch nicht übersehen dürfen: Hartherzigkeit kann zum Verlust der Vergebung führen. Ich lebe von Gottes Großzügigkeit, seinem Mitleid, seiner Barmherzigkeit, seiner Gnade, dem Geschenk seiner Vergebung. Dazu passt es nicht, wenn ich selber hartherzig, unversöhnlich und nicht vergebungsbereit bin.


              Mein Leben ist immer ein Echo.
              7 Entweder ist es ein Echo auf die Welt um mich her, so wie sie ist – mit Intrigen, Schikanen, Gemeinheiten. Dann nehme ich mir, was mir nützt, sehe auf meinen Vorteil, nehme Vergebung gern an (oder ent-schuldige mich gleich selbst), beharre anderen gegenüber aber auf meinem (scheinbaren oder tatsächlichen) Recht – damit ich bloß nicht zu kurz komme! Denn die Schuld der anderen ist ja immer so ungleich viel größer als meine Schuld…!


                Oder meine Leben ist ein Echo auf Gottes Liebe, die mir im Tod von Jesus vor Augen steht, die ihn ans Kreuz gebracht hat. Diese vergebende, erneuernde und schöpferische Liebe, die die Spirale aus Schuld und Vergeltung beenden kann.


                Bei Arno Backhaus las ich einen Text, der gut beschreibt, worum es Jesus geht – und was er uns auch in der fünften Bitte des Vaterunser ans Herz legen möchte:

              Gott sagte Nein


                Ich bat Gott um Geduld. Gott sagte nein. Geduld ist das Nebenprodukt von Leiden. Sie wird nicht verschenkt, sondern verdient.

                Ich bat Gott um Glück. Gott sagte nein. Ich gebe dir Segen. Glück hängt von dir ab.

                Ich bat Gott, mir Schmerzen zu ersparen. Gott sagte nein. Leiden trennt dich von weltlichen Dingen und bringt dich näher zu mir.

                Ich bat Gott, geistlich zu wachsen. Gott sagte nein. Du musst alleine wachsen, aber ich werde dich beschneiden, damit du Frucht bringst.

                Ich bat Gott um alle Dinge, die das Leben schön machen. Gott sagte nein. Ich gebe dir Leben, damit du alles genießen kannst.

                Ich bat Gott, mir zu helfen, andere so zu lieben, wie er mich liebt. Gott sagte: „Aaah, jetzt fängst du an zu verstehen."
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                Fragen zum Weiterdenken:


                  Wo habe ich Vergebung als befreiend erlebt?

                  Wo stehe ich in der Schuld gegenüber anderen?

                  Wem habe ich nicht vergeben?

                  Was hindert mich, auf den, er an mir schuldig geworden ist, vergebend zuzugehen?




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              http://witze.net/vaterunser-witze – aufgesucht am 28.03.2020

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            Martin Luther macht in seiner Erklärung der vierten Bitte im Kleinen Katechismus deutlich, dass er an mehr als Brot im wörtlichen Sinne denkt: „Was heißt denn tägliches Brot? - Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen." (EG 806.3)

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          Maier, Gerhard, Das Evangelium des Matthäus Kapitel 1-14, Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament, Witten 2015, S. 363

          4 Hahn,Udo, Geben macht reich. Unmögliche Gedanken zur Bergpredigt, Hünfelden 2008, S. 48

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        Maier, S. 364

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      Maier, Matthäus, S. 364-365

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    Thielicke, Helmut, Das Gebet, das die Welt umspannt. Reden über das Vaterunser aus den Jahren 1944/45, Stuttgart 1980, S. 119

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Backhaus, Arno, Lache, solange du noch Zähne hast. Witziges zu Drüber-nach-Lachen, Moers 2017, S. 60
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